VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)

Der TSV 1860 München liefert Stoff ohne Ende. Einst bejubelt, heute eher bemitleidet - der tiefe Fall eines der größten deutschen Traditionsvereine. Und genau diesen Abstieg will der preisgekrönte Münchner Filmemacher Christoph Nahr nun in einer vierteiligen Dokumentation à 30 Minuten für die ARD-Mediathek verarbeiten. Die Ausstrahlung ist für Oktober 2025 vorgesehen. Was den 54-jährigen Nahr, der gemeinsam mit Robert Grantner und Lennart Bedford-Strohm in diesem Löwen-Projekt als Autor auftritt, besonders freut: "Wir sind sehr froh, dass 1860 diesem Projekt absolut positiv gegenüber steht - vom Stammverein, aber auch von der KGaA. Wir haben keine Absprachen, was wir machen dürfen oder nicht. Uns werden keine Steine in den Weg gelegt. Die Zusammenarbeit ist schön und vertrauensvoll." Das db24-Interview mit dem BR-Redakteur:

db24: Herr Nahr, Sie haben erfolgreich die Beckenbauer-Doku produziert, nun kommen die Löwen dran. Warum?

CHRISTOPH NAHR (54): Die Idee ist in den letzten Monaten innerhalb des BR gereift, dass wir uns ein Projekt rund um die Fußball-Traditionsvereine vorstellen können, was sie ausmacht, was dahintersteckt - und warum die großen Erfolge der Vergangenheit nicht in die Gegenwart umgesetzt werden können. Verantwortlich ist aber die ARD, die die Dokus für ihre Mediathek produziert. Wir wollen die Leidensgeschichte der Löwen erzählen - mit den Höhen, aber auch mit vielen Tiefen. Diese Idee, die Vereine zu beleuchten, soll sich nicht nur auf Bayern beschränken, sondern ein bundesweites Projekt werden. 1860 ist aber unser Pilotprojekt! Wir setzen mit der Löwen-Doku hoffentlich den Standard für die Zukunft.

db24: Wie wird der Titel der Löwen-Doku heißen?

Es gibt noch keinen! Es hat sich in der Vergangenheit bewährt, dass man erst einmal macht und dann schaut, wie der perfekte Titel lauten könnte. Es gibt natürlich Arbeitstitel, die ich aber noch nicht verraten will. Was ich aber sagen kann: Es wird keine chronologische Doku, zum Beispiel mit der Vereinsgründung oder den 60er Jahren. Wir wollen die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpfen. Wir wollen diesen Verein in allen Facetten zeigen. Faszinierend ist vor allem die irre Fanschar, die trotz aller Tiefschläge nicht loslassen kann.

db24: Beschäftigen Sie sich in diesem Löwen-Porträt nur mit König Fußball oder auch mit den anderen Abteilungen im Klub?

Nein, natürlich ist die Doku nur auf den Fußball fokussiert. Natürlich hat 1860 auch Erfolge im Skifahren, Boxen oder Volleyball gefeiert, aber wir könnten mit dieser Doku den anderen Sportarten nicht gerecht werden. 1860 München definiert sich in erster Linie über Fußball.

db24: Wie viel Platz räumen Sie dann der jahrzehntelangen Stadiondiskussion ums Grünwalder ein, die vermutlich einmalig für einen Verein in Deutschland ist?

Die Stadionfrage ist ein zentraler Kern der Doku. Weil die Stadiondiskussion das Wohl und Wehe des Klubs maßgeblich bestimmt hat. Im Grünwalder Stadion ist der Nimbus und Mythos entstanden mit der Meisterschaft 1966 mit Petar Radenkovic und den anderen Helden, bis hin zum Aufbruch mit Karl-Heinz Wildmoser und Werner Lorant mit anschließenden großen Erfolgen im Olympiastadion. Dann folgte der Umzug in die Allianz Arena und der rasante Fall des Vereins, obwohl man am Anfang hoffte, von der neuen Umgebung zu profitieren. Aber es kam alles anders, weil die Arena dazu geführt hat, dass man sich übernahm. Das ist ein Drama. Wahrscheinlich wird sich die Stadionfrage durch die ganze Doku ziehen.

db24: Bei 1860 müssen Sie als Journalist aufpassen, dass Sie sich beim Stadionthema nicht die Finger verbrennen…

Das weiß ich (lacht)! Ich weiß natürlich, dass die Stadionfrage ein großes Streitthema ist. Wir versuchen auf gar keinen Fall, Partei zu ergreifen. Die Doku wird nicht aufklären, in welchem Stadion 1860 spielen soll. Wir wollen den Menschen aber zeigen, warum 1860 so ein Phänomen ist, warum die Leute trotz dieser Leiden und kleinen Erfolge nicht loslassen können. Das ist das, was uns fasziniert. Wenn wir mit unserer Doku auch die Nicht-Löwen mitreißen, dann haben wir einiges richtig gemacht.

db24: Wer waren Ihre bisherigen Gesprächspartner?

Wir sind noch mittendrin in den Interviews. Vor einigen Tagen habe ich ein Interview mit Heinz Wildmoser geführt, dem Sohn des früheren Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser - das war sehr aufschlußreich und interessant. Der Junior ist nicht dafür bekannt, dass er ständig Interviews gibt. Deswegen sind wir froh und dankbar, dass er sich bereit erklärt hat, mit uns über 1860 zu sprechen. Er hat alle Fragen beantwortet, die wir ihm gestellt haben. Das ist für unsere Doku sehr wichtig, was Wildmoser viel zu erzählen hat. Überhaupt haben wir in den letzten Wochen den Eindruck gewonnen, dass dieser Verein keinen kalt lässt. Wir haben auch schon mit Thomas Miller, Benny Lauth, Daniel Bierofka oder Münchens Altbürgermeister Christian Ude geredet. Mit Francis Kioyo und Fredi Heiß werden wir genauso sprechen wie mit den Fernsehleuten Fritz von Thurn und Taxis sowie Thomas Herrmann. Wir wollen 1860 von den verschiedensten Seiten beleuchten. Wir haben aber auch mit Robert Schäfer gesprochen. Und nächste Woche fliegen wir nach Abu Dhabi…

db24: Zu Hasan Ismaik?

Genau! Wir gehen ergebnisoffen auf diese Reise und sind selbst sehr gespannt, was uns bei Ismaik erwartet. Er weiß, dass wir extra wegen ihm einfliegen. Ich habe keine Erwartungen. Uns war es wichtig, Hasan Ismaik in seiner natürlichen Umgebung zu treffen. Was dabei herauskommen wird, wissen wir nicht. Wir wollen von ihm wissen, warum er dieses Engagement weiter aufrecht erhält, obwohl er diese ganzen Anfeindungen ertragen muss? Und warum er so viel Geld in den Verein steckt und relativ wenig dafür bisher bekommen hat. Natürlich wollen wir auch wissen, was er mit den Löwen noch vor hat.